Sie sind hier: Startseite > Filmographie > Der Leib der bleibt am Kanapee

Der Leib der bleibt am Kanapee

Fortune Favours Fools

Österreich 2004; Produktion Etoile Film; Regie, Buch, Kamera, Schnitt Daniel Pöhacker; Ton Isaya Morita, Produktionsassistenz Maria Stern; Filmgeschäftsführung Erwin Stockinger; Tricktechnik Manfred Raggl; Musik Tonc Feinig, Tin Hat Trio
Mitwirkende: Reinhold Drugowitsch, Gottfried Stöckl, Albert Weber, Bäckerei Eberle, Katze Lisa, Ernst Obertautsch, Walter Lipnik, Adolf Berger

Digi Beta 4:3, Farbe, stereo, 125 Minuten
Uraufführung: Diagonale 2005
Cinematograph Filmverleih . A-6020 Innsbruck . Innrain37a . Tel. 0512-560470

Der Leib der bleibt am Kanapee Der Leib der bleibt am Kanapee Der Leib der bleibt am Kanapee

Synopsis

Gemäß seinem Lieblingsmärchen und Leitbild Hans im Glück erfreut der Steinmetz und Künstler Reinhold Drugowitsch seine Umgebung. Mit spontanen Ideen und seiner direkten, authentischen Eigenart macht er Mut zum Leben. „Drugo“ wird er von seinen Freunden genannt, was in slawischen Sprachen „der Andere“ bedeutet.

DER LEIB DER BLEIBT AM KANAPEE ist eine Erkundungsreise in das Leben dieses Mannes, der es versteht, Glück zu verbreiten. Er ist kein Star und kein Millionär, sondern ein Mann, der Sinn für seine Talente hat, denen er nachgeht, ohne nach äußerem Erfolg zu trachten. Neben seiner Tätigkeit als Steinmetz musiziert er und malt, kocht und widmet sich seiner Familie. Einmal im Jahr reist er zum Jahrmarkt nach Bleiburg an der slowenischen Grenze, um seine Freunde aus der Kinderzeit zu treffen.

Drugo ist ein Mann, der allseits willkommen ist, weil seine Art der Wertschätzung der Lebenszeit ansteckend ist und gut tut wie Balsam. Aber weder Idylle noch Romantisierung, sondern vielmehr das Empfinden der Geheimnisse um ein erfülltes Leben sind Thema des Films. DER LEIB DER BLEIBT AM KANAPEE füllt damit wie nebenbei auch eine Lücke in der derzeit boomenden Dokumentarfilmproduktion: Er gibt der Frage nach Lebensmut und Lebensfreude Raum.

 

Zu diesem Film

DER LEIB, DER BLEIBT AM KANAPEE ist die poetische Betrachtung eines Mannes, der sich das Kind in ihm bewahrt hat. Trotz der Tatsache, dass die Welt, in der er aufgewachsen ist, die ihm vertraut ist, in Auflösung begriffen ist oder zumindest anachronistischen Charakter annimmt, hält er voll Neugier an seinem Weg fest und steckt seine Umgebung mit seinen positiven, wie auch skurrilen Überlegungen und Aktionen zur Fröhlichkeit an. Drugo lässt sich, trotz seiner durch die Steinmetzarbeit groben Hände, von niemandem abhalten, Geige zu spielen oder seiner kreativen, künstlerischen Ader lustvoll Ausdruck zu verleihen.

"Ein Tag ohne Spiel ist ein verlorener Tag, ob in der Musik, der Kunst, dem Beruf, dem Leben..."

Drugo ist 71 Jahre alt und in ihm wohnt ein Leben, in dem bereits vieles Platz hat: die Fähigkeit des Staunens, des Wahrnehmens ebenso wie des Annehmens, die Kraft, aus sich selbst zu schöpfen und die Freiheit, das auch zu tun. Aus kleinen Alltagserlebnissen entsteht ein Universum, das sich auf selbstverständliche Art und Weise tieferen Lebensfragen zuwendet: Überlegungen zu Haben und Besitzen, zu Sinn- und Daseinsfragen, Fragen nach der Seele, nach dem Sterben und nach der Bedeutung des Jenseits. Drugo kommentiert sie mit Offenheit und aus sich heraus.

„Mit zwei Häusern kann ein Mensch sowieso nichts anfangen. Ein halbfertiges Haus ist mehr als genug ...“

DER LEIB, DER BLEIBT AM KANAPEE ist nicht nur die Betrachtung eines „Hans im Glück“, sondern viel mehr das Aufspüren eines beglückenden Lebensgefühls. Drugos Umfeld, zum einen der geschichtsträchtige Tiroler Ort Hall, einst aufgrund der Salzvorkommnisse eine einflußreiche und strategisch wichtige Stadt, heute Geburts- und Wohnort namhafter Künstler und Intellektueller, fließt nicht als Kulisse in den Film mit ein. Bis vor kurzem gab es dort etwa noch eine Bäckerei – Drugos Stammbäckerei –, an der die Zeit spurlos vorüber floss, die funktionierte wie vor hundert Jahren. Auf seinen Reisen nach Bleiburg taucht Drugo beim Wiesenmarkt in die Welt der ausgezehrte Altbauern, die ihre Ochsen lieber beim Glücksspiel verlieren, was ihnen mehr Reize verspricht als das Konsumdenken. – Persönliche Tragik mit eingeschlossen.

Drugos Freund, der Lebzelter, Zuckerbäcker und Kunstliebhaber Gote sagt über Drugo: „Ich weiß nicht, ob Drugo selbst glücklich ist. Aber dass er Glück verbreiten kann, diese Gabe hat er ...“.

 

Directors statement

Zwei Punkte waren mir bei diesem Film besonders wichtig.

Erstens: Es sollte kein Film werden, der auf irgendeine Art groß tut...
kein "Hochglanzfilm"... kein Film über eine berühmte Person oder Thema...
keine Wichtigkeiten... keine schnellen Schnitte... keine Effekte... kein besonderes Licht...
kein Off-Komentar, der uns erklärt, was wir sehen oder zu sehen haben...
(mir klingt immer noch die Sprecher-Stimme von Bruno Ganz in den Ohren, wie er in einer "Universum"-TV-Sendung sagt: "die Sonne versinkt hinter dem Stephansdom", während wir ein Bild sehen, in dem die Sonne hinter dem Stephansdom versinkt.)...
nicht einfach Informationen transportieren & Inhalte vermitteln, sondern eher Gefühle, Atmosphären spüren lassen... ein Lebensgefühl einer Person teilen...
sich Zeit lassen... Geduld, Aufmerksamkeit verlangen... der Betrachter soll auch etwas beitragen (seine Empfindungen, Erinnerungen)... und der Film soll Platz lassen dafür...
Bilder, Einstellungen länger stehen lassen, bis sie über den reinen "Aha!"- & Informationscharakter hinaus noch etwas Poetisches dazubekommen... und gleichzeitig einen Raum aufmachen für eigene Gedanken oder zum Rasten und Meditieren...

und der zweite Punkt:
nach einigen interessanten Dokumentarfilmmitarbeiten...
mit Sabine Derflinger und Bernhard Pötscher im Schubhaftgefängnis in Linz für den Film "Achtung Staatsgrenze"...
die Arbeit an "Im toten Winkel-Hitlers Sekretärin" mit Othmar Schmiderer und Andre Heller...
"things.places.years" über die nach London deportierten jüdischen Frauen und Kinder zusammen mit Simone Bader und Jo Schmeisser...
bis zu einer sehr langen Doku-Arbeit über missbrauchte und traumatisierte Kinder mit dem Vorarlberger Arzt Gerhard König: "Kindheit und Gewalt"...
war (trotz großem Interesse und Einsatz an den Themen bzw. gerade deshalb) plötzlich etwas besonders von Nöten, um ein Gleichgewicht wieder herzustellen:
den Fokus auf eine positive Figur & Geschichte zu richten - ein positives Thema !

und vielleicht doch noch drittens:
der Film bzw. das Thema des Films muß von selber kommen...

Ich liebe es, wenn man Filmthemen nicht sucht, sondern findet. Wenn man sich nicht zwanghaft den Kopf darüber zerbricht , sondern der Film von selbst zu einem kommt.

Ich habe Drugo im Herbst 1998 auf einem Bauernmarkt in Tirol getroffen. Er sprach mich an und erzählte, dass er gerade aus Bleiburg an der slowenischen Grenze zurückkomme. Er fahre jedes Jahr dorthin, vor allem wegen der Bauern, die dort eine alte Art des Wiesenkegelns betreiben, hohe Summen setzen und zum Teil ihre Ochsen oder gar den Hof verspielen. Diese Spieltradition und die herben ausgemergelten Menschen faszinierten ihn und er fragte mich, ob ich interessiert sei, beim nächsten Mal mit zu fahren. Auch deshalb, weil diese Tradition im Begriff sei, sich aufzulösen, nicht zur heutigen Unterhaltungsmaschinerie passe und wohl bald verloren ginge. Ich sagte spontan zu, vergaß es aber wieder und war überrascht, als er mich ein Jahr später anrief und sagte: „Nächste Woche wär‘s wieder soweit ...“

Der Leib der bleibt am KanapeeDer Leib der bleibt am KanapeeDer Leib der bleibt am Kanapee

Ich begleitete ihn. Es wurde eine sehr eindrückliche Fünftagereise, der Beginn einer Freundschaft und es entstand die Idee für einen Film: Allerdings nicht über die Bauern und ihr Spiel, die im Film aber einen Teilaspekt darstellen, sondern über das Lebensgefühl von Drugo selbst, der mich in diesen Tagen zu erstaunen und faszinieren begann. Wie er auf seine so einfach gescheite Art den Tag zu einem geglückten Tag machen konnte; wie er durch seine offene, authentische Eigenart spontan Kontakte knüpfte und es ihm zugleich gelang, immer bei sich zu bleiben.

Meine Intention war es nicht, ein Porträt dieser Person anzulegen, sondern Drugo selbst zum Träger eines Themas zu machen. Als Hauptfigur des Films transportiert er ein Lebensgefühl, das einerseits sehr rar geworden ist in unserer Zeit – zugleich jedoch zeitlos scheint: Die eigenen Gaben wahr- und ernst zunehmen, sie auszuleben und eigene Fehler und Schwächen zuzulassen und anzunehmen ... Wie sehr dies mit „glücklich sein“ und „Glück verbreiten“ zu tun hat, wurde mir selber sehr deutlich und wurde dem Film ein Anliegen.